Paula-Fürst-Schule
(Gemeinschaftsschule)
Berlin, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
 
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Der letzte Abend

Herr Zaim sagt nie Anschlag, nie Attentat. Herr Zaim nennt die Nacht von Nizza einfach nur: das Ereignis. Es ist ein Wort, das Abstand sucht, es soll ein Polster sein zwischen ihm und der Welt. Aber er wird dieses Ereignis nicht los.

Herr Zaim ist Lehrer, Französisch und Mathematik, und stand am 14. Juli 2016 in einer Seitenstraße Nizzas, als der Attentäter mit einem weißen Lkw über die Promenade des Anglais fuhr, hinein in die Menschen, in den Stolz der Franzosen am Nationalfeiertag. Das Lenkrad als Fadenkreuz, mehr als 80 Tote.
Herr Zaim hat in dieser Nacht zwei Schülerinnen und eine Kollegin verloren. Die Schule trauert seitdem. Selbst an Tagen der Freude.

Nun steht Herr Zaim auf einem Schulhof in Berlin-Charlottenburg und erinnert sich. Er hat an diesem Vormittag nicht viel Zeit, weil er noch eine Rede schreiben muss. Für seine Schüler, die für ihn die eigentlichen Helden sind in dieser Geschichte. Die Nizza-Gruppe, im Trost zusammengewachsen.
Er wird ihnen am kommenden Tag ihre Abiturzeugnisse überreichen. Am Ende ihrer Schulzeit, aber auch am Ende eines Jahres, das begleitet wurde vom Schmerz und vom Schock, von der Trauer und dem Trauma. So wird es später in jeder Ansprache zu hören sein.

Neben dem Schulgebäude steht seit einiger Zeit ein Gedenkstein, leuchtet hell in den Mittag hinein. Darauf die Namen der Toten, ihre Geburtsdaten auch. Darüber Worte zur Andacht. „Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“ Auf diesen zwei Quadratmetern ist der Schulhof auch Friedhof. Es ist ein Stein, der vom Verlust erzählen soll, nebenbei aber die Tragik der Gegenwart offenbart, die Grausamkeit eines Terrors, der von Menschen verübt wird, denen nichts heilig ist.

Die ermordeten Mädchen stammen aus muslimischen Familien, sie stammen aus dem Libanon und der Türkei. Auch das ist eine der Geschichten hinter den Zahlen von Nizza, hinter dem Ereignis. Und Herr Zaim, 1976 in Casablanca geboren, seit 20 Jahren in Deutschland, seit neun Jahren Lehrer, erzählt von dem Abend, an dem er hineingeraten ist in den Wahnsinn der Welt.

„Was ich nie vergessen werde“, sagt er also, „ist der Weg in die Stadt. Alle waren glücklich.“ Damit beginnt es. Herr Zaim und die Schüler wohnen damals in einem Hotel etwas außerhalb von Nizza, in der Nähe des Flughafens. Wie an jedem Tag müssen sie deshalb auch an diesem Abend einen Linienbus in die Innenstadt nehmen.

Es ist etwa 20 Uhr, als sie an der Bushaltestelle ankommen, in der Ferne steht die Sonne bereits tief über den Dächern Nizzas, man kann das Licht golden auf dem Meer sehen. Ein Postkartenabend. Die Menschen werfen lange Schatten, tragen bunte Kleider. Die ganze Stadt hat sich herausgeputzt. Später soll es ein Feuerwerk geben.
Die Schüler, sagt Herr Zaim, hatten gespart, um schick essen zu gehen. Der Abend des 14. Juli ist auch der letzte Abend der Klassenfahrt. Die Gruppe vibriert vor Aufregung, die Bilder dieses Moments sind Abzüge der Ausgelassenheit. Es war eine wunderbare Reise, sagt er, und dieser Abend sollte die Krönung sein.

Herr Zaim selbst trägt sein schwarzes Lieblingsjackett, darunter ein helles Hemd. Auch er ist bester Laune, zufrieden.

Der 14. Juli ist auch der Abend vor seinem 40. Geburtstag. „Wir wollten reinfeiern“, sagt er, „das war lange schon geplant.“ In der Luft das Salz und die Vorfreude.

Sie müssen dann aber lange warten, bis ein Bus kommt, in dem noch Platz ist. Sofort drängen die Schüler hinein, wollen mit, wollen los. Doch als ein Großteil der Gruppe eingestiegen ist, schließt der Fahrer die Tür. Mehr geht nicht. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Ein tatsächliches Glücksspiel, weil sich in diesem Moment auch die Schicksale trennen. Denn während Herr Zaim im Bus neben den anderen steht, bleibt seine Kollegin mit sieben Schülern zurück, um auf den nächsten zu warten.

Sie werden sich an diesem Abend nicht noch einmal begegnen, getrennt von den Massen, Tausenden an der Promenade. „Wir haben den ersten Bus genommen“, sagt Herr Zaim, „das ist der Grund, warum wir überlebt haben.“ Denn während die kleinere Gruppe bald schon von der Menge geschluckt wird, gelingt es Herrn Zaim, seine Schüler in die verhältnismäßige Ruhe einer Nebenstraße zu führen, über ihnen die Balkone des Hotels „Le Méridien“. Vor ihnen das unaufhörliche Strömen. Eine Loveparade mit Meerblick.
Über eine Stunde tauschen Herr Zaim und seine Kollegin Nachrichten, in denen sie versuchen, einen Weg zu finden, durch die Körper. Ohne dabei die gute Laune zu verlieren. „Alles super. Wir sehen uns später.“ Die letzte Nachricht seiner Kollegin hat Herr Zaim noch immer in seinem Telefon gespeichert. Um 22.23 Uhr erhalten.

„Wir erreichen uns irgendwie nicht“, steht da. Danach Stille.

Eine halbe Stunde später startet der Attentäter den Motor eines weißen Lkw. Die ersten Fernsehbilder in dieser Nacht zeigen eine Schneise, durch die Menschen und durch die Freiheit. Ein Schlachtfeld.
Herr Zaim, unter den Balkonen des „Le Méridien“, vielleicht 300 Meter entfernt, ahnt da noch nicht, wie nah er dem Terror ist. „Wir wussten nicht, was passiert war“, sagt er. Dann aber kommen die Menschen. Rennen und rufen. Aus den großen und aus den kleinen Straßen, in den Augen Panik.

Im Raunen erst hört er Gerüchte. Ein Anschlag. Und denkt zuerst an die Bilder aus dem „Bataclan“. An Maskierte mit Maschinenpistolen. Einen Truck nehmen, sagt Herr Zaim, und damit in eine Menschenmenge fahren, das war neu, das konnte man sich doch gar nicht vorstellen.

Herr Zaim hat den Lkw bis heute nicht gesehen, er hat sich keine Videos angeschaut und auch keine Fotos. Und wenn er von dieser Nacht erzählt, verdichtet sie sich zu Schlaglichtern, während sich die Stunden damals angefühlt haben wie ganze Tage. Die Zeit, sagt er, verging anders. Als würde man jede Minute einzeln wahrnehmen.

Herr Zaim erzählt dann wie im Rausch, berichtet von einer Welle, die ihn in dieser Nacht erfasst und im Grunde erst am Morgen wieder ausgespuckt hat. Es ist eine Erzählung, die ständig wechselt zwischen der Superzeitlupe der Details und der Beschleunigung des Überblicks. Es ist ein Wunder, dass sie ihn nicht zerreißt.

Bald gelingt es ihm, Zuflucht in der Lobby eines Hotels zu finden, die er bis heute Versteck nennt. Der an diesem Abend sicherste Ort. Hier trifft er einige seiner Schüler wieder. Hier erfährt er von der Zerstörung, erste Berichte sprechen von zehn Todesopfern. Halb Zwölf in der Nacht. Es ist der Beginn der Zählungen, der unbarmherzige Bodycount danach.

Und Herr Zaim fängt an zu telefonieren, versucht, die anderen Schüler zu erreichen. Viele melden sich gleich, andere nicht. Hinter dem Freizeichen das Unsagbare.

Da war noch die Hoffnung, sagt Herr Zaim, dass es alle geschafft haben. Um Mitternacht bilden die Schüler einen Kreis und singen für ihn. Happy Birthday.

Um 1 Uhr dann klingelt sein Telefon. Ein Schüler am anderen Ende. Er hat Mühe zu sprechen. Herr Zaim hat Mühe zu begreifen. Die Kollegin, sagt der Schüler, ist vom Lkw erfasst worden. Auch zwei Schülerinnen sind tot. Sie waren ohne Chance. 19 Tonnen Verblendung, 60 Stundenkilometer Hass, durch einen Zufall dazwischengeraten. Eine Schülerin liegt schwer verletzt im Krankenhaus.

Da, sagt Herr Zaim, fing die Tragödie an.

Er fährt ins Hotel, steckt sein Telefon in eine der Steckdosen, damit es sich nicht plötzlich abschaltet, dann telefoniert er, bis die Sonne wieder aufgeht. Mit der Botschaft, dem Reisebüro. Danach fährt er ins Krankenhaus, um seine Schülerin zu finden. Im Chaos der Nacht, in der Verzweiflung der Schwerverletzten und der Ohnmacht der Helfer, dauert die Suche drei Stunden.

Zurück im Hotel, als er den Koffer der Kollegin packen will, packt es ihn. Herr Zaim setzt sich aufs Bett und weint. „Da“, sagt er, „konnte ich nicht mehr. Da waren die Koffer, aber ich wusste, die Menschen kommen nicht wieder.“

Erst am Abend des 15. Juli, 24 Stunden nach dem Anschlag, landen er und seine Schüler in Berlin. Der längste Geburtstag.

Die Tage nach dem Ereignis, nach der Rückkehr aus Nizza, haben nicht nur etwas mit den Schülern gemacht, sondern auch mit der Schule selbst. Sie stand plötzlich in den Zeitungen, Politiker sprachen ihr Beileid aus. Nach Nizza also ist eine Schule in Berlin-Charlottenburg zu einem Punkt auf der Weltkarte des Terrors geworden. Auch sie wurde getroffen. Aber auch hier, wie zuvor im „Bataclan“ oder später vor der Manchester Hall, gibt es eine Geschichte nach dem Schmerz.

In der Aula, während der Abiturverleihung am Tag nach dem Besuch am Stein, ist das sofort spürbar. Sie ist angefüllt mit dem Stolz der Eltern und der Erwartung der Kinder. Heute soll es schön werden. Ein besonderer Abend, eine tatsächliche Krönung. Und Herr Zaim steht dort zwischen jungen Männern, die ihren ersten Anzug tragen, und jungen Frauen, die zu leuchten scheinen in ihren sichtbar fabrikneuen Kleidern. Er, Tutor dieses Jahrgangs, trägt Weste und Fliege in Schwarz, Farbe der Andacht, und zur Rührung ein Lächeln. Herr Zaim, das kann man nicht anders sagen, glitzert. Ein Astaire aus dem Maghreb.
Dann beginnen die Reden, in denen es um den Ausnahmezustand geht und darum, dass noch jede Zeit ihre Antworten gebraucht hat. Es geht um das Gedenken, die Gewalt und die Lehren daraus. Und so hängen dort auf der Bühne die mit Helium gefüllten Ballons, der Schriftzug Abi 2017 in Gold, während die Menschen mit jedem weiteren Satz die Namen der anderen in die Luft schreiben, damit sie niemand vergisst.

Schließlich tritt eine Schülerin an das Pult. Auch sie war dabei in Nizza. Und steht nun dort oben, um ihrem Lehrer zu danken. Dafür, dass er nie aufgegeben hat. „Sie sind mehr als ein Lehrer“, sagt die Schülerin, „Herr Zaim.“ „Wir sind eine Familie geworden, und Sie sind der Onkel, danke.“ Und Herr Zaim glitzert.
Später steht dieselbe Schülerin noch einmal auf der Bühne und sagt dabei einen Satz, der ein wenig untergeht, aber vielleicht doch der stärkste Satz ist an diesem Abend. „Was machst du nach der Schule? Ich habe eine einfache Antwort darauf. Ich werde leben.“

Danach gibt es Musik, während hinter den Fenstern ein Sommergewitter die Luft kühlt.
Als Herr Zaim dann auf die Bühne geht, badet er im Applaus. „Wir alle“, sagt er, die Worte direkt an seine Schüler gerichtet, „hätten auf dieses Ereignis verzichten können. Aber mit diesem Ereignis in den Köpfen und dem Abitur in der Tasche sind Sie nun bestens auf das Leben vorbereitet.“ Dort oben auf der Bühne gelingt es ihm kurz, das Ereignis umzudeuten. Ein Erfolg, kein Ballast.

„Lasst uns in Kontakt bleiben“, sagt er noch. Dann geht er von der Bühne.

Der Welt mit Liebe und Wertschätzung begegnen, hatte er tags zuvor am Stein gesagt, für eine gute Atmosphäre sorgen, „mehr kann ich jetzt nicht machen“. Aber vielleicht reicht das ja schon. Draußen vor der Aula greifen die Menschen nach ihm, schütteln seine Hand, es gibt Umarmungen und gute Worte. Und Herr Zaim steht inmitten dieser Gesten, in denen das ganze Jahr steckt. Zwischen den Sätzen, die ohne Nizza anders klingen würden, leichter.

Es ist sein Moment des Abschieds. Sein letzter Abend an der Schule. Denn Herr Zaim geht.
In die Türkei, nach Istanbul. Er hatte irgendwann gemerkt, dass er fortmuss. In der Schule, zwischen den Schülern, da kam ständig alles wieder hoch. Also hat er sich beworben. Hauptsache Ausland. „Erst dort“, sagt er, „weit weg von Nizza, weit weg von der Schule, kann ich sehen, wie es mir wirklich geht.“
Als der Brief dann kam, darin der Name seiner neuen Heimat, hat Herr Zaim erst mal gezuckt. Istanbul, auch eine Stadt, die mit dem Terror lebt. Im Februar saß Herr Zaim dort zum ersten Mal in einem Café, sechs Wochen nach dem Anschlag auf einen Nachtklub am Bosporus. Auch ein Ereignis. Natürlich, sagt er, war das ein mulmiges Gefühl.

Er hat dann lange mit sich gerungen, bald aber wird er umziehen. Istanbul, das ist jetzt auch eine Chance. Die Menschen dort, sagt er, haben schon so viel aushalten müssen und gehen trotzdem raus, genießen das Leben.

„Istanbul“, sagt Herr Zaim, „ist ein guter Ort. Weil ich dort nicht der Einzige bin, der den Terror erlebt hat.“

von Lucas Vogelsang


 
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