Paula-Fürst-Schule
(Gemeinschaftsschule)
Berlin, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
 
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zum Jahrestag des Attentates von Nizza

Am 14. Juli 2016 fuhr in Nizza ein Attentäter mit einem Lastwagen in die Menschenmenge auf der Strandpromenade, auf der auch die Reisegruppe unserer Schule mit den Franzosen und Gästen des Landes den Nationalfeiertag Frankreichs feierte. Von 28 Schülerinnen und Schülern unserer Kursfahrt des zwölften Jahrganges kamen nur 25 ins Hotel zurück. Eine Schülerin wurde in der Nacht schwerverletzt in einem Krankenhaus gefunden. Die begleitende Lehrerin und zwei weitere Schülerinnen waren nicht aufzufinden. Ihr Schicksal war auch zu dem Zeitpunkt noch ungewiss, als der begleitende Lehrer allein die entsetzten Schülerinnen und Schüler am Abend nach dem Attentat nach Berlin zurückbrachte. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit konnten sie am Flughafen von Notfallpsychologenteams und ihren Eltern empfangen werden. Mit einem Spezialflugzeug kam auch die schwerverletzte Schülerin am selben Abend nach Berlin zurück.

Nach den Tagen im Juli haben wir einige Male versucht, anderen Menschen zu erklären, was in Nizza und an unserer Schule geschehen ist. Es war nicht möglich. Es war unfassbar.

Angehörige standen vor uns, verzweifelt und wütend darüber, nichts zu erfahren. Die Ungewissheit in den ersten Tagen war quälend, die Gewissheit danach noch furchtbarer: Wir hatten sie alle drei verloren.

Unfassbar war ebenso der Schmerz der Angehörigen und derer, die diese drei Menschen liebten und die sie für immer vermissen.  Trauer mischte sich danach mit verzweifelter Wut. Es war schwer mit der Wut und der Hilflosigkeit umzugehen. 

Am Dienstag, dem Tag als wir die traurige Gewissheit vom Auswärtigen Amt erhalten hatten, gab es viele Versammlungen an unserer Schule, Gedenken und Schweigeminuten. Blumen, Kerzen und Beileidsbekundungen säumten die Eingangsportale der Schule. Einen Tag später begannen die großen Ferien. Ein großer Abstand tat sich damit auf. Das war für manche Schülerinnen und Schüler im Nachhinein gut, denn so konnten Sie ohne Leistungsanforderungen eine gewisse Distanz zum Geschehen aufbauen. Schulpsychologische Hilfe und Notfallseelsorge hatte es vom Moment der Schreckensnachricht an gegeben, feste Unterstützung und Notfalltelefonnummern rund um die Uhr nun auch während der Ferien. Für manche Betroffene war es jedoch eine Zeit, in der ihnen vor allem die vertrauten Strukturen des Schulalltags fehlten. Ohne diese war es  schwieriger, die bereit gestellten Hilfen anzunehmen.

Als die Schule im September wieder begann, waren Trauer und Wut noch immer die überwiegenden Gefühle. Wie sollten wir damit an unserer Schule umgehen? Diese Frage mussten wir jeden Tag neu beantworten. Es gab keine Vorlage dafür. Ein Raum des Gedenkens im Schulhaus konnte den Gefühlen nur ansatzweise einen Ort bieten. Wichtiger war die ständige Gesprächsbereitschaft innerhalb der Schule. Vertraute Personen waren die am meisten gewünschten und am häufigsten geforderten Ansprechpartner, hier wiederum besonders jener Lehrer, der die Reise begleitet hatte.

Bald wurde deutlich: Wir wollen uns in der Schulgemeinschaft an unsere beiden Schülerinnen und unsere Lehrerin erinnern. Ein Kirschbaum und ein mit Bedacht gestalteter Gedenkstein auf dem Schulhof waren der Wunsch der überlebenden Schülerinnen und Schüler. Dieser Wunsch wurde vom Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf erfüllt.

Eine Gedenkfeier im November war ein weiterer Schritt zur Bewältigung. Manche Schülerinnen und Schüler, darunter auch einige, die nicht bei der Reise dabei gewesen waren, konnten diese Gedenkfeier aktiv gestalten. Angehörige, Schülerinnen und Schüler, Pädagoginnen und Pädagogen nahmen teil. Der Einladung zum Gedenken waren auch die Schulsenatorin, der französische Botschafter und der Bezirksbürgermeister gefolgt.

Am Ende der Gedenkfeier waren auf dem Schulgelände der Kirschbaum gepflanzt und der Gedenkstein enthüllt worden. Sie erinnern an die zwei hoffnungsvollen Schülerinnen und die hochgeschätzte Lehrerin.

Alle Schülerinnen und Schüler dieser Reisegruppe gehörten nach den Sommerferien dem Abiturjahrgang an. Der Leistungsdruck setzte ein und nun erst zeigte sich das Ausmaß der individuellen Traumatisierung. Die Erlebnisse von Entsetzen und Panik und die unfassbare Trauer blieben nicht ohne Folgen. Schlaflosigkeit und Konzentrationsblockaden setzten dem Leistungsvermögen vieler Schülerinnen und Schülern zu. Wege der Unterstützung mussten immer wieder neu gedacht, neu organisiert und auch neu finanziert werden. Manche Unterstützung konnte unkompliziert organisiert werden, manche ist bis heute noch mit Fragezeichen versehen. Passende Finanzierungswege stehen bis heute nicht in allen Fällen zur Verfügung. Sie bedürfen einer Klärung.

Am wichtigsten blieb jedoch bis zur letzten Abiturprüfung immer die Bereitschaft der Schule, individuelle und trotzdem gerechte Lösungen zu finden. Lösungen für jene Schülerinnen und Schüler, die fürchteten, in ganz unterschiedlichem Ausmaß und zu unterschiedlichsten Zeiten zu scheitern. Für einzelne besteht diese selbstverständliche Verpflichtung zur Unterstützung auf dem Weg zum Abitur oder Abschluss an unserer Schule noch immer.

Wichtig bleibt auch, dass unserer Schule die Ruhe gegeben wird, das Geschehen in bestmöglicher Form zu bewältigen. Interviewanfragen und Dokumentationswünschen kann eine Schule trotz hohem öffentlichen Interesses in dieser Situation nicht nachkommen. Wir Pädagoginnen und Pädagogen mussten und müssen noch immer unsere ganze Kraft für unsere Schülerinnen und Schüler einsetzen. Die Schülerinnen und Schüler selbst sollten und sollen ihre Energie und ihre schwer erkämpftes Gleichgewicht für ihre Abschlüsse nutzen.

An die Öffentlichkeit können wir jedoch die wichtigsten Botschaften aus unserer Schule vermitteln:

„Was wollen diese Menschen? Sie wollen die Angst. Was geben wir ihnen nicht? Die Angst.“ [Jacob, Schüler der Nizza-Gruppe]

„Wir können nicht aufgeben, sonst haben die ja gewonnen.“ [Ella, Schülerin der Nizza-Gruppe]

Wir dürfen unser Leben nicht vom Unvorhersehbaren bestimmen lassen. Die kanadische Schriftstellerin und Friedenspreisträgerin Margret Atwood formulierte es so1:

„Wenn man wüsste, was passieren wird, wäre man verloren. […] Man würde niemals essen oder trinken oder lachen oder morgens aufstehen. Man würde nie jemanden lieben, nie wieder. Man würde es nicht wagen.“

Wir wünschen uns, dass die Erinnerung an unsere Schülerinnen und Mitschülerinnen und an unsere Kollegin und Lehrerin uns ermutigt, es trotz allem zu wagen: aufzustehen, zu essen, zu trinken, zu lachen und wieder zu lieben.

E. Bienzeisler



1: Margret Atwood: Der blinde Mörder

 
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