Paula-Fürst-Schule
(Gemeinschaftsschule)
Berlin, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
 
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Artikel im ZEITmagazin vom 8. Dezember 2016

»Komm schnell rein, weißt du es schon?« So begrüßten mich meine Schulleitungskollegen, als ich um halb acht in die Schule kam. Ich hatte es noch nicht gehört: dass es in Nizza am Abend zuvor einen Anschlag gegeben hatte, mit vielen Toten. Einen Anschlag in der Stadt, in der gerade 28 Schüler und zwei Lehrer unserer Schule auf Kursfahrt waren. Ich war geschockt, mir kamen die Tränen, aber dann kam sofort eine Art innerer Befehl: Gleich wird hier ganz viel passieren, du musst jetzt dafür sorgen, dass alles läuft.

Es gab keine genauen Informationen, doch wir wussten: Sie sind beim Feuerwerk gewesen, auf der Promenade des Anglais, und sie sind betroffen. Wenig später rief der Kollege an, der mit in Nizza war, und sagte, dass alle bei ihm seien bis auf zwei Schülerinnen und unsere Kollegin, eine junge Lehrerin. Und eine Schülerin, die verletzt im Krankenhaus sei.

Es fällt mir schwer, die Ereignisse, die wie eine Riesenwelle auf uns einstürzten, im Nachhinein chronologisch zu ordnen. Wir mussten entscheiden, ob wir an dem Tag überhaupt Unterricht abhalten wollen – es war schnell klar, dass das nicht ging. Dauernd kamen Schüler, die uns fragten, was passiert war, was wir wussten, manche standen auch selbst mit den Schülern in Nizza in Kontakt. Sie waren verstört, wir mussten uns um sie kümmern. Recht bald waren auch zwei Schulpsychologinnen da, am zweiten Standort unserer Schule trafen ebenso Schulpsychologen, Polizei und eine Menge anderer Helfer ein. Wir riefen die Eltern der Schüler an, die in Sicherheit waren, natürlich wussten sie schon Bescheid, die Kinder hatten angerufen, eine Mutter war sogar live am Handy in der Nacht mit dabei gewesen, als ihr Kind flüchtete. Die Angehörigen der Schülerinnen und der Lehrerin, die vermisst waren, wurden von der Polizei informiert, auch darüber, dass sie zu uns in die Schule kommen konnten, um sich psychologisch betreuen zu lassen. Die Eltern des einen Mädchens kamen auch bald. Sie waren verzweifelt und machten sich Vorwürfe, dass sie ihre Tochter hatten mitfahren lassen. Beide Mädchen stammten aus muslimischen Familien, und die Eltern machten auch uns Vorwürfe – dass wir als Schule überhaupt Wert auf solche Fahrten legten, jetzt hätten sie ihre Tochter einmal losgelassen, und dann passiere so etwas Schreckliches.

Es kam bald das Gerücht auf, dass die Mädchen und die Lehrerin tot seien. Das ist wohl über eine Whats-App-Nachricht verbreitet worden, die jemand aus Nizza geschrieben hatte. Und dass es Schüler aus der Gruppe gebe, die gesehen hätten, wie sie tot auf der Straße lagen. Diese Nachricht war ganz schnell in den Medien, und die Eltern der vermissten Mädchen warfen uns vor, sie nicht richtig zu informieren – aber uns war es ganz wichtig, so lange von Vermissten zu sprechen, wie es keine Klarheit gab. Vor der Schule wurden Blumen und Kerzen abgelegt. Auch R.I.P.-Schilder, die wir wegräumten – wir wollten niemanden für tot erklären. Mir wurde im Laufe des Tages immer mehr bewusst, dass es vielleicht stimmt, dass sie getötet wurden. Aber ich habe trotzdem gehofft. Die Psychologen sagten uns auch, dass Zeugen in solchen extremen Situationen oft Dinge durcheinanderbringen und dass man sehr vorsichtig mit ihren Aussagen umgehen soll. Die Eltern bedrängten uns, sie wollten unbedingt mit den Schülern sprechen, die dabei gewesen waren, sie wollten Gewissheit, was ich gut verstehen konnte. Aber unsere Aufgabe war es jetzt auch, den traumatisierten Kindern Ruhe zu geben, sobald sie zurück in Berlin sein würden.

Zugleich versammelte sich vor den Toren der Schule die Presse. Einigen unserer Schüler wurden direkt Mikrofone vor die Nase gehalten, sie wurden gefragt, ob sie die Schülerinnen kannten, ob sie bei der Lehrerin Unterricht gehabt hätten. Wir hatten versucht, die Schüler darauf vorzubereiten, und sie gebeten: Wenn ihr etwas für eure Mitschüler in Nizza tun wollt, dann sprecht nicht mit der Presse. Ich bin sehr froh, dass unsere Schüler sich daran gehalten haben. Es war sogar selbstverständlich für sie. Viele der älteren Schüler und auch meine Kollegen haben sich den ganzen Tag lang ans Tor gestellt, um die Journalisten davon abzuhalten, auf das Schulgelände zu laufen.

Die Schüler sollten gegen 21 Uhr in Tegel landen, das war ihr geplanter Rückflug. Wir wollten unbedingt verhindern, dass Journalisten dabei sind und Fotos machen, wenn die Eltern ihre Kinder in Empfang nehmen. Ich sage Kinder, dabei sind das ja Schüler, die ich sieze, 17, 18 Jahre alt. Aber wenn ich über diese Tage rede, sind sie für mich vor allem Kinder, die man beschützen muss. Zum Glück hatten die Polizei und die Flughafenverwaltung einen Terminal und Parkplätze für uns abgesperrt. Wir als Schule wollten unbedingt da sein, wenn die Kinder ankommen, der stellvertretende Schulleiter war dabei, Schulpsychologen, auch ein Vertreter der Senatsschulverwaltung und des Auswärtigen Amts. Und eine ganze Armada an Notfallseelsorgern. Ja, und dann kamen die Kinder. Manche wirkten sehr gelassen, andere weinten und stürzten ihren Eltern in die Arme, einige umarmten auch mich. Es war zum Teil eine Nähe da, die wir sonst nicht haben. Von drei Jungen waren keine Verwandten gekommen, ich bot ihnen an, sie nach Hause zu fahren, ich wollte nicht, dass sie allein sind, nach allem, was sie erlebt hatten. Aber sie sagten irgendwann nur: Wissen Sie, Sie waren nicht dabei. Wir wollen das so. Ich bat sie, noch mit einem der Notfallseelsorger zu reden. Der konnte ihren Wunsch akzeptieren und auch mir vermitteln. Sie wollten gern allein sein, nicht darüber reden. Und sie waren 18 Jahre alt. Erwachsen. Das habe ich dann verstanden.

Im Terminal habe ich die ganze Zeit versucht, zu erkennen, ob jemand anwesend ist, der nicht dort sein sollte, weil er vielleicht für die Schüler ein Problem darstellt. Journalisten oder Angehörige der Vermissten, die die Schüler ausfragen wollten. Wir hatten ihre Namen nicht auf die Liste der Personen gesetzt, die Zugang zum Terminal bekommen durften. Das war hart für diese Angehörigen, aber wir wollten vermeiden, dass sie und die Schüler aus Nizza aufeinandertreffen. Irgendwie hat es ein Verwandter dann doch geschafft, eine Schülerin abzufangen. Sie kam noch im Terminal völlig außer sich zu mir und sagte: Der hat mich bedrängt, warum bringen Sie mich in so eine Situation? Ich hätte diese Konfrontation so gern verhindert, und ich habe mich seitdem oft gefragt, wie ich das hätte schaffen können. Aber eine Krise zeichnet sich wohl auch dadurch aus, dass man eben nicht alles kontrollieren kann.

Als ich spät in der Nacht nach Hause kam, habe ich noch Nachrichten geschaut. Im rbb lief ein Interview mit der Mutter einer Schülerin, die erzählte, ihre Tochter habe ihr gesagt, die drei Vermissten seien tot, und es sei nicht richtig, dass die Schule diese Information nicht rausgebe. Mich hat es sehr geärgert, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender so etwas zeigt, ohne dass es Gewissheit gibt.

Die Familien der Vermissten haben auch am nächsten Tag, als wir uns mit den Schülern aus Nizza in der Schule trafen, verlangt, mit ihnen zu sprechen. Wir mussten sie wieder abweisen. Das war schlimm und schwierig, aber ich glaube, dass es richtig war. Ich denke, dass sie bis heute wütend darüber sind und es nicht verstehen. Das muss ich in Kauf nehmen.

Die traurige Gewissheit, dass die beiden Schülerinnen und die Lehrerin tot sind, hatten wir erst am Dienstagmorgen. Wir informierten das Kollegium, dann die Schüler. Wir richteten einen Trauerraum ein und besorgten Kondolenzbücher. Am Tag darauf gab es Zeugnisse, die Ferien begannen. In den Ferien besuchte ich die verletzte Schülerin im Krankenhaus, und ich bekam das alles nicht aus meinem Kopf. Erst ganz am Ende der Ferien, in den letzten Tagen einer langen Fahrradtour, merkte ich, dass ich den Sonnenschein wieder wahrnehme.

Nach Schulbeginn kamen bald Schülerinnen auf mich zu, sie wollten gern eine Gedenkfeier organisieren. Die haben wir vor einigen Wochen abgehalten: Wir haben einen Stein auf dem Schulhof aufgestellt mit den Namen der Getöteten und einen Baum gepflanzt. In der Aula gab es eine würdevolle, angemessene Feier. Aber natürlich ist Nizza für uns nicht vorbei. Zum Jahrestag der Anschläge in Paris habe ich viele Berichte von Betroffenen gelesen und dabei gedacht: Das haben meine Schüler auch durchgemacht, die Panik, die Todesangst. Das steckt man nicht einfach so weg. Und wir merken ja täglich, dass die drei fehlen. Als Kollegin, als Freundin, als Sitznachbarin. Wir sind noch mittendrin. Und jetzt kommt der Schulalltag mit seinen wichtigen Klausuren auf die Schüler zu, und sie haben enorme Konzentrationsschwierigkeiten. Aber sie möchten im Sommer mit den anderen auf der Bühne stehen und ihre Abiturzeugnisse in der Hand halten. Ich als Oberstufenleiterin, wir als Schule müssen alles dafür tun, dass das möglich wird, und ich hoffe, dass die Berliner Schulverwaltung uns dabei unbürokratisch unterstützen wird.

Wir haben uns hier an der Schule vor Kurzem mit Helfern und Verantwortlichen zusammengesetzt, um zu klären, was wir an den Tagen dieser schrecklichen Ereignisse hätten besser machen können. Natürlich wünsche ich mir, dass so etwas nie, nie, nie wieder passiert, aber es ist wichtig, darüber zu reden. Ich hoffe, dass das Protokoll dieser Runde in einem Ordner verstaubt und hundert Jahre lang nicht gebraucht wird.

 
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